Kurzgeschichte "Rache" PDF Drucken E-Mail

Kurzgeschichte von Roswitha Kammerl (copyright by Roswitha Kammerl)

Rache

Er begehrte sie. Er begehrte sie, wie er nie zuvor eine Frau begehrt hatte. Lisa, das verwöhnte Jetsetgirl mit seiner Hybris, seiner naturgegebenen Schönheit und seiner unbekümmerten Oberflächlichkeit, der etwas Beleidigendes anhaftete. Eigentlich hätte ihn all das abschrecken müssen, bewirkte aber das genaue Gegenteil. Er nippte an seinem Whiskey und beobachtete sie, wie sie die Auserwählten, die sie zu ihrem 21. Geburtstag geladen hatte, mit hin gehauchten Küssen begrüßte und er beobachtete Roman ihren Verlobten, den Glückspilz, den er beneidete, wie keinen anderen – den Mann mit dem sie einst Kinder haben würde, hübsche Upperclass-Prinzen und -Prinzessinnen. Roman war sein Freund und er hatte ihn ausgestochen bei der Eroberung von Lisa. Roman mit seinem guten Aussehen, seinem öligen Charme und dem Geld, das er erben würde. Seine Familie war ebenso angesehen und einflussreich wie ihre. Hier verband sich, was traditionell wohl zusammen gehörte. Paul stammte zwar auch aus gutem Hause, seine Familie war aber nicht annähernd so reich wie Romans. Paul konnte alten Adel in die Waagschale werfen und diesem Umstand verdankte er wohl die Anwesenheit auf Lisas Fest.
Roman lehnte lässig am Fenster und fixierte die attraktiven Freundinnen Lisas. Hin und wieder stieß er ein feixendes Lachen aus, das er Carlo, Lisas Bruder schenkte. Paul stieß es ab, wie Roman sich um die jungen Frauen bemühte. Wäre Paul an seiner Stelle gewesen, hätte er sich ausschließlich um seine Verlobte gekümmert. Vielleicht würde sie eines Tages erkennen, dass sie sich für den falschen Mann entschieden hatte. Er hoffte es innig.
Als das philippinische Dienstmädchen weitere Drinks reichte, wurde es von Roman und Carlo ebenfalls mit einem hämischem Grinsen bedacht. Maria war vermutlich ebenso alt wie Lisa, nicht ganz so hübsch und ziemlich arm. Der Gegensatz zwischen den beiden Mädchen hätte kaum größer sein können. Paul hätte Maria nicht weiter beachtet, wenn seine Freunde sich ihr gegenüber nicht so ausfallend benommen hätten. Sie gingen so weit, dass sie ihr sogar den Hintern tätschelten. Er wollte dazwischen gehen, ließ es aber, um Lisa nicht zu kompromittieren. Lisa allerdings bemerkte nichts. Sie war vollkommen mit sich beschäftigt, schließlich war sie der strahlende Mittelpunkt des Abends. Das Licht zauberte ein strahlendes Flackern in ihr aristokratisches Antlitz. Nie war sie schöner, als in diesem Moment. Paul würde auf sie warten und wenn es bis an das Ende seiner Tage sein sollte. Sie beachtete ihn kaum, aber das störte ihn nicht. Vorerst genügte es ihm, in ihrer Nähe zu sein.
Allmählich spürte er die Wirkung zahlreicher Drinks. Seine Freunde offenbar ebenfalls. Sie benahmen sich immer schändlicher gegen Maria, die sich nicht wehren konnte. Niemand störte sich daran. Auch Paul nicht mehr. Maria war nicht seine Welt. Man erzählte sich, dass sie mit einem dicklichen, alternden Mechaniker verheiratet sei, der sie aus Manila geholt hatte. Wenn sie den ertragen konnte, dann konnten ihr Typen wie die arroganten Romans und Carlos eher Freude bereiten, als schaden, fand Paul. Der Abend schritt fort und er fühlte eine wohlige Müdigkeit. Es wurde Zeit, dass er sich um ein Taxi bemühte. Er hatte ein wenig getanzt und saß nun auf dem eleganten, weißen Sofa in Lisas weitläufigem Elternhaus, das eher einem Schloss glich. Lisas Eltern waren verreist, sie wollten ihrer Tochter die große Feier nicht durch ihre Anwesenheit verderben. Da er fand, dass er etwas frische Luft brauchte, öffnete Paul die Flügeltür in den Park und schlenderte in die kühle, trockene Nacht hinaus.
Als er fast 500 m vom Haus entfernt war, hörte er ein jämmerliches Wimmern. Er konnte erst nicht ausmachen, was es war, dann aber, als dem Wimmern näherkam, sah er den Grund des Wehklagens. Seine Freunde waren über Maria gebeugt und vergewaltigten sie, daran gab es keinen Zweifel. Schreien konnte sie nicht, denn Roman saß auf ihrem Kopf, während Carlo offenbar in sie eindrang. Es war ein abstoßendes unwürdiges Schauspiel. Paul beschämte der Anblick. Spätestens jetzt hätte er etwas für das arme Mädchen tun können, stattdessen stahl er sich feige davon. Er kehrte ins Haus zurück und bestellte sich seelenruhig das Taxi.
Am nächsten Morgen wurde er durch das Läuten des Telefons geweckt. Sein Kopf dröhnte, als er abhob und Lisas wunderbar sanfte Stimme hörte. Sie weinte und zum ersten Mal zeigte sie Gefühle. Paul war überwältigt. Was sie dann allerdings sagte, war ein Schock.
„Maria hat sich umgebracht. Sie hat sich heute Nacht die Pulsadern aufgeschnitten“, schluchzte sie.
„Oh das ist ja furchtbar. Hat sie eine Nachricht hinterlassen?“, stotterte er benommen, da ihm nichts besseres einfiel und er an ihre Peiniger dachte, die nun wohl in große Schwierigkeiten geraten würden, wenngleich er damit rechnete, dass ihre Familien einen solchen Skandal diskret unter den Teppich kehren würden.
„Ja, sie hat eine Nachricht hinterlassen. Sie hat Selbstmord begangen, weil sie Aids hatte und sich vor den Folgen dieser Krankheit fürchtete. Stell dir vor und diese Frau hat in unserem Haushalt gearbeitet – ein Albtraum. Ich wage nicht, mir vorzustellen, was meine Eltern dazu sagen werden, dass sie uns derart arglistig getäuscht hat. Ich habe mir gleich einen Termin bei unserem Hausarzt besorgt.“
Ein weiterer Schock, der durch Lisas Reaktion noch gesteigert wurde. Insgeheim empfand er aber eine gewisse Genugtuung. Er dachte an die hübschen Kinder, die Lisa nun vielleicht nicht mehr mit ihrem öligen Spross aus dem Großbürgertum zeugen würde. Die hübsche, kleine Maria hatte sich am Ende für das erlittene Unrecht auf ihre Art gerächt – welche Ironie!
Karl saß in der Praxis des Arztes, der die Obduktion seiner Frau vorgenommen hatte. Er hatte seit Tagen nicht geschlafen und seine Augen waren tränenleer. Der Arzt berührte sanft die Hand des Automechanikers und sah ihm tröstend in die Augen: „Ihre Frau hatte kein Aids. Sie müssen sich deswegen nicht sorgen. Aber sie war schwanger.“ Die Spermaspuren, die er überall an ihrem Körper gefunden hatte und das Blut unter ihren dreckverkrusteten Fingernägeln, verschwieg er dem armen Mann gnädig.