Kurzgeschichte "Golf and Mor(d)e" PDF Drucken E-Mail

Kurzgeschichte von Roswitha Kammerl (copyright by Roswitha Kammerl)

Golf & Mor(d)e

Er hob die Zeitung noch höher, um sie nicht sehen zu müssen, denn er konnte ihren Anblick nicht ertragen. Besonders heute, da die Sonne die Frühstücksszene in gleißendes Licht tauchte, nahm er alles wie durch ein Vergrößerungsglas wahr. Wie sie ihr Ei mit dem Messer köpfte, wie sie es mehr zerpflügte, als aß und ihr dabei das Eigelb vom Mund tropfte. Alles tat sie sehr geräuschvoll, so als hoffte sie, auf diese Weise seine Aufmerksamkeit zu erregen. Er wusste, ohne dass er sie sah, ob sie Kaffee trank, in ihr Brötchen biss, oder Joghurt löffelte. Es widerte ihn an, morgens in ihr ungeschminktes teigiges Gesicht mit den kleinen wässrigen Augen zu blicken. Seit sie verheiratet waren, ließ sie sich gehen.

Als er sie vor drei Jahren im Golfclub kennen gelernt hatte, war sie ein fröhliches, rundliches Mädchen mit erfrischender Spontaneität und dem naiven Charme einer höheren Tochter gewesen. Was ihm an ihr imponiert hatte, war ihr sportliches Talent. Souverän gewann sie die meisten der ausgeschriebenen Turniere. Bewusst war sie ihm aufgefallen, als sie ihren verdienten Pokal mit dem natürlichsten Lächeln der Welt entgegennahm und dazu eine witzige Dankesrede hielt. Humor und golferisches Genie waren damals nicht die einzigen herausragenden Eigenschaften Charlottes. Sie besaß etwas, das ihn noch viel mehr an ihr reizte. Die üppige Schönheit war das einzige Kind eines erfolgreichen Papierfabrikanten und er Prokurist in einer heruntergekommenen Kartonagenfabrik, die seit Jahren an der Insolvenz vorbeischlitterte. So fügte sich das eine in das andere. Nach nicht einmal einem Jahr war Richard der vielfach beneidete Gatte eines der angesagtesten Mädchen der Stadt und zweiter Chef im schwiegerelterlichen Unternehmen.
 
Um Ersteres wurde er mittlerweile nicht mehr beneidet, denn nach 3 Jahren Ehehölle hatte sich das zauberhafte Wesen in ein Schlachtschiff mit stoppeligen mausfarbenen Haaren verwandelt, das seinen Blick morgens mit einem halbgeöffneten Seidenmorgenmantel beleidigte, aus dem schwere Brüste ihren Weg ins Freie suchten. Was Richard aber am meisten an Charlotte nervte, war ihr ständiges Gekeife. Seit er in ihrem Hause lebte, hatte sie drei Dienstmädchen verschlissen. Er fiel ihm schwer zu glauben, dass er sich so in ihr getäuscht hatte. Von Tag zu Tag verabscheute er sie abgrundtiefer.

Nach dem Frühstück waren sie mit Charlottes Vater und dessen Frau Marlene zum Golfen verabredet. Jeden Sonntag trafen sie sich im Club. Marlene war einst Richards Sekretärin gewesen, bis Karl ihr völlig überraschend einen Heiratsantrag gemacht hatte. Karl Neuwerth war mit seinen siebzig Jahren fast vierzig Jahre älter als seine rassige Frau. Dieser Umstand kam Marlene eher entgegen, als dass er sie gestört hätte. Das lag daran, dass sie seit ihrer Eheschließung regelmäßig mit Richard schlief. Vorher hatte sie ihn nicht interessiert, denn Mitarbeiterinnen waren für ihn tabu.

Als er Marlene auf der Hochzeit neben Karl sitzen sah, erschien sie ihm plötzlich äußerst begehrenswert. Er wusste in diesem Moment, dass er sie unbedingt haben musste und dass ihm kein Preis zu hoch war, dieses Ziel zu erreichen. In ihren Augen glaubte er, das gleiche Verlangen zu lesen und so hatte er ihr noch während der Feierlichkeiten unmissverständlich den Hof gemacht. Als er der Braut während eines Tanzes seine Wünsche schamlos ins Ohr geflüstert hatte, hatte sie viel sagend gelächelt. Trotzdem hatte es ihn verblüfft, dass sie sich bereits drei Tage später mit ihm in einer benachbarten Kleinstadt traf. Richard hatte es so einrichten können, dass er einen Auswärtstermin bei einem Lieferanten der Papier und Pappe Neuwerth KG wahrnahm und Marlene auf dem Weg dorthin treffen konnte.    

Für ihr Tete a Tete hatten sie sich ein ebenso hässliches, wie diskretes Vertreterhotel in einer Seitenstraße ausgesucht, in dem sie sich seither mindestens an vier Nachmittagen pro Monat vergnügten. Marlene war die aufregendste Frau, der er je begegnet war. Zu ihren Verabredungen kam sie stets auf hochhackigen Pumps, eingehüllt in dunkle Capes, enge Röcke und durchsichtige Seidenblusen. Darunter trug sie außer halterlosen Strümpfen meistens nichts. Allein die Vorfreude daran beflügelte ihn jedes Mal aufs Neue und seine Sehnsucht nach ihr stieg von Mal zu Mal. Die Angst, erwischt zu werden, erhöhte den verbotenen Reiz um ein Vielfaches.
   
Charlotte erhob sich vom Frühstückstisch und schlurfte Richtung Ankleidezimmer. Sie waren zum Golfen mit Marlene und Karl verabredet. Wenn sie sich mit den beiden trafen, dann brauchte Charlotte noch länger als sonst für ihre Restauration. Wahrscheinlich wollte sie ihre Stiefmutter wenigstens bei der Auswahl ihrer Kleider übertrumpfen. Das gelang ihr, wenn man den Kostenfaktor berücksichtigte. Charlotte trug fast ausschließlich Maßgarderobe. Endlich erschien sie auf der Treppe. Entsetzt starrte Richard auf Charlottes Outfit. Sie trug eine pink-gelb karierte Hose, die sie noch breiter wirken ließ und dazu einen bonbonfarbenen Cashmere-Sweater, der ihr viel zu eng war.
"Möchtest Du wirklich in dieser Aufmachung auf den Golfplatz?"
"Wieso regst Du Dich auf? Marlene trägt doch auch bevorzugt Schweinchenrosa."
Richard war irritiert über diese Bemerkung. Erst nach einer Schocksekunde konnte er darauf reagieren. "Diese Farbe steht leider nicht jedem." 
Charlotte ließ sich durch seine höhnische Bemerkung nicht einschüchtern. Sie lächelte nur böse.

Als sie ihren Wagen vor dem Clubhaus einparkten, stellte Richard fest, dass die Neuwerths bereits eingetroffen waren. Ihr dunkelblauer Jaguar glänzte provozierend in der Sonne. Richard hatte Marlene versprochen, sie eines Tages in diesem Fahrzeug auf den weichen Ledersitzen zu lieben.

Richard und Charlotte fanden ihre Mitspieler auf der Terrasse. Die beiden hatten ein Tablett mit Kaffee und kleinen Snacks vor sich stehen.
Als Karl das Paar erblickte, sprang er sofort auf: "Ihr seid mal wieder reichlich spät" grinste er und schlug seinem Schwiegersohn jovial auf die Schulter.
"Karl, Du weißt ja, Deine Tochter... sie wollte heute einfach besonders bezaubernd aussehen und hat deswegen etwas länger gebraucht“. Karl ignorierte die Gehässigkeit.

Während des Spiels warfen sich Richard und Marlene fortwährend verstohlene Blicke zu. Charlotte bemerkte offensichtlich nichts. Das Einputten ihrer Bälle erforderte ihre ganze Aufmerksamkeit. Ihr Gesicht hatte sie unter einer dunklen Sonnenbrille verborgen, die den Ausdruck äußerster Anspannung verstärkte. Karl schien mit seinen Gedanken bei einer geschäftlichen Transaktion zu sein. Er wirkte sehr abwesend.

Sie waren am Abschlag des 16. Fairways angelangt, als Richard seinen Ball umständlich auf das Tee platzierte, um ihn rauszuschlagen. Seine drei Partner standen etwas seitlich und sahen ihm unbeweglich dabei zu. Er ließ sich Zeit, denn er musste sich konzentrieren. Unendlich langsam setzte er den Driver in Bewegung. Aus den Augenwinkeln beobachtete er die Position seines Schwiegervaters. Der Ball verzog sich nach links und schlug genau in die Richtung, die Richard seit Tagen heimlich geübt und berechnet hatte. Schließlich war auch er ein ausgezeichneter Spieler. Noch während er sich umdrehte, bemerkte er, dass Marlene aus irgendeinem unerfindlichen Grund stolperte. Der Ball traf sie direkt an der Schläfe. Mit schreckgeweiteten Augen fiel sie vor ihren Mann, der sie aufzufangen versuchte. Blut quoll in gewaltigen Fontänen aus der Stelle, an der sie getroffen worden war. Karl bemühte sich mit einem Taschentuch vergebens, die Wunde zuzuhalten. Marlene starb in seinen Armen.

Die Untersuchung des Geschehens hatte ergeben, dass es sich ganz offensichtlich um einen schrecklichen Unfall gehandelt hatte. Die Villa und die Fabrik seines Schwiegervaters durfte Richard nicht mehr betreten. Er war mit sofortiger Wirkung beurlaubt worden. Dagegen hatte er sich nicht gewehrt. Seit dem Vorfall wohnte er im Hotel.

Als die Beerdigung stattfand, hatte er darum gebeten, teilnehmen zu dürfen, aber auch dieser Wunsch wurde ihm verwehrt. So musste er der Zeremonie aus sicherer Entfernung, versteckt hinter Grabsteinen, beiwohnen. Als sich die feine Trauergesellschaft dem Ausgang zu bewegte, lief er hin und packte Charlotte, die etwas hinter ihren Angehörigen geblieben war, am pelzbesetzten Ärmel.
 Sie tat überrascht, war es aber offenbar nicht:
"Nun gut, da Du schon mal hier bist, kann ich es Dir ja auch gleich sagen. Gestern habe ich die Scheidung eingereicht. Deine Sachen werden gerade aus meinem Haus entfernt. Die Spedition lagert sie ein, bis Du Bescheid gibst, was damit passieren soll."
Richard sah seine letzten Felle davonschwimmen. "Aber warum? Soll das der krönende Abschluss Eurer Bestrafungsorgie sein, nachdem ich in Schimpf und Schande aus der Firma gejagt wurde. Und das nach allem, was ich für Deinen Vater getan habe?"
"Ha, dass ich nicht lache! Hörner hast Du ihm aufgesetzt und das vermutlich schon vor seiner Hochzeit. Wenn du dich  fügst, wird er nie erfahren, dass Du ihn und mich mit diesem billigen Flittchen hintergangen hast und zu allem Übel auch noch versucht hast, ihn umzubringen."
Ihre Schritte wurden ausholender. Richard blieb zurück und starrte ihr nach, wie sie davoneilte, als sei der Leibhaftige hinter ihr her. Plötzlich wusste er, warum Marlene gestolpert war.